(Interview) Phänomen Hochsensitivität: Hier steckt die Forschung noch in den Kinderschuhen

//(Interview) Phänomen Hochsensitivität: Hier steckt die Forschung noch in den Kinderschuhen

(Interview) Phänomen Hochsensitivität: Hier steckt die Forschung noch in den Kinderschuhen

In der Ausgabe 01/2016 der magz – dem Magazin für die Probstei und das Kieler Ostufer – wurde ich zum Thema Hochsensitivität interviewt. Nachfolgend können Sie das Interview in voller Länge nachlesen. Sollten Sie Fragen oder Gesprächsbedarf zum Thema Hochsensitivität haben, so können Sie sich gerne über mein Kontaktformular oder telefonisch an mich wenden.

 

Wie eine Schnecke ohne Haus

Ich bin irgendwie anders – aber warum? Immer mehr Menschen entdecken ihre Hochsensitivität, die Zeit ist reif für dieses Thema. Magz sprach mit Kirsten Walsemann aus Krokau – selbst hochsensitiv und Mutter einer hochsensitiven Tochter – über diese Begabung.

magz: Frau Walsemann, was ist Hochsensitivität?
Hochsensitive Menschen nehmen erstens sehr viel mehr Reize auf als andere, die diese Gabe nicht haben. Hinzu kommt, dass sie diese Reize intensiver wahrnehmen. Es ist, als ob die Haut, die vor Emotionen schützen soll, durchlässig ist. Das kann alle Sinne betreffen. Hochsensitivität ist aber kein Mangel oder Defekt, den man beheben müsste – das ginge auch gar nicht. Es ist eine außergewöhnliche Begabung, die einer bestimmten Förderung bedarf.

magz: Woran erkennt man hochsensitive Menschen?

Da sind zum einen die inneren Reize: Hochsensitive haben oft hochkomplexe Gedankengänge, es können sehr innovative Menschen sein. Sie erleben Gefühle wie zum Beispiel Glück und Leid deutlich intensiver, aber auch Mitgefühl – viele leiden intensiv mit anderen mit und tauchen tief in deren Empfinden ein. Bei manchen führen die inneren Reize außerdem zu Schmerzen im Körper wie beispielsweise Kopf- oder Bauchschmerzen. Um diesen inneren Reizen zu begegnen, müssen Hochsensitive lernen, sich abzugrenzen, mehr auf sich zu schauen und sich zu fragen: Was tut mir gut?

Andererseits gibt es die äußeren Reize: Gerüche, Geräusche, Geschmack, Sehen und Fühlen. So kann es sein, dass ein hochsensitiver Mensch viel intensiver schmeckt – und deshalb am liebsten das isst, was er kennt. Gleiches gilt für den Geruchssinn und das Hören: Meine Tochter riecht zum Beispiel lange vor mir den Güllewagen und ich selbst bin ausgesprochen lärmempfindlich. Was das Sehen betrifft, fühlt sich mancher Hochsensitive beim Anblick von Menschenmassen erschlagen, oder das sehr intensive Fühlen führt dazu, dass bestimmte Kleidung auf der Haut unerträglich ist – alles vermeintlich unlogische Reaktionen für jene, die diese Gabe nicht haben. Die Ausprägung der Möglichkeiten ist bei jedem Einzelnen je nach Typ individuell unterschiedlich.

Es gibt weitere mögliche Merkmale: Hochsensitive neigen zu ungewöhnlich strengem Gewissen. Außerdem vermeiden sie oft Gewaltfilme im Kino oder TV und sind sich den Folgen von eigenem Fehlverhalten ungewöhnlich stark bewusst. In Gesellschaft anderer legen sie den Schwerpunkt gerne auf persönliche Themen, die andere als „schwer“ empfinden.

magz: Was kann das zur Folge haben?

Ohne das Wissen um ihre Gabe können Hochsensitive durch die Reizüberflutung in eine Überforderung kommen, die sich bei jedem anders zeigt. Kinder sind noch rein und unangepasst, deshalb fällt es am ehesten auf, dass diese Kinder anders sind. Leider werden dann oft falsche Rückschlüsse gezogen und die Fehldiagose ADS oder ADHS gestellt, weil sie nicht in den Rückzug, sondern in die Hyperaktivität gehen. Hochsensitive Erwachsene hingegen haben oft über die Jahre Wege gefunden, sich in der Gesellschaft anzupassen. Ich habe immer gedacht, ich bin irgendwie anders – konnte es aber nicht greifen.
Hochsensitive Kinder spüren das von klein auf. Manche sind zum Beispiel schnell durch Lärm überfordert und entwickeln sich vielleicht zu sogenannten Schrei-Babys. Sie brauchen Ruhe und Struktur im Alltag, um all die Reize verarbeiten zu können. Wenn diese Reize gut gesteuert werden, tritt die Überforderung nicht ein.

magz: Welche Mechanismen gibt es, um diese Reize zu verarbeiten?

Das ist bei jedem anders. Ein möglicher Mechanismus ist zum Beispiel, sich Zeit für sich zu nehmen. Oder ein strukturierter Alltag mit sehr festem Rahmen. Auch Ruhe zwischendurch kann hilfreich sein. Wieder andere brauchen Bewegung, um diese Reize abbauen zu können.

Es gibt für Hochsensitive zwei Möglichkeiten, mit ihrer Gabe umzugehen: Sie können sie sich konstruktiv zunutze machen oder darunter leiden. Deshalb ist es wichtig, dass zum Beispiel Eltern darum wissen und ihren Kindern entsprechende Freiräume geben, so dass die Kinder in ihrer Natur handeln können. Sie haben bestimmte Bedürfnisse, um mit ihrer Begabung gut leben zu können.

Hochsensible müssen einen größeren mentalen Aufwand betreiben, um sich seelisch gesund zu erhalten und sich privat und beruflich entfalten zu können. Sie müssen sich ständig klären, um sich nicht in den inneren und äußeren Anforderungen zu verstricken. Jeder Mensch sollte sich regelmäßig auf sich selbst besinnen – aber Hochsensitive müssen dies noch konsequenter und regelmäßiger tun als andere.

Andererseits mögen Hochsensitive die Entwicklung von Bewusstheit sehr gerne: sich weiterentwickeln, den Horizont erweitern, nicht stehen bleiben. Dadurch haben sie einen hohen inneren Reichtum.

magz: Ist Hochsensitivität vererbbar?

Ja, es ist oft eine vererbte Eigenschaft, die innerhalb der Familie weitergegeben wird. Sensibilität oder Empathie kann man erlernen – aber Hochsensitivität ist ein Wesenszug, den man hat oder eben nicht.

magz: Ist diese Gabe ein Phänomen unserer Zeit?

Nein, hochsensitive Menschen gab es schon immer, das ist nichts Neues. Sie hatten früher ihren Platz in der Gesellschaft, aber in der heutigen Gesellschaft ist diese Gabe nicht mehr so als Fähigkeit gefragt – sie wird nicht mehr gebraucht. Wir sind in einer Gesellschaftsform angekommen, in der Menschlichkeit nicht mehr richtig zählt. Deshalb ist es meiner Meinung nach kein Zufall, dass das Thema Hochsensitivität gerade jetzt einen immer höheren Stellenwert bekommt. Denn der gesellschaftliche  Beitrag der Hochsensitiven ist wichtig: Sie haben einen tiefen Wunsch, diese Welt menschlicher zu gestalten. Hochsensitive erkennen als Erste, was fehlt oder wenn etwas ungerecht oder nicht stimmig ist.

magz: Gibt es eine Art „Leitlinie“ für hochsensitive Menschen?

Es gibt zehn Punkte, an denen sich festmachen lässt, wieso Hochsensitive eine andere Haltung zum Leben haben. Diese Punkte sind nicht alle gleich stark ausgeprägt und können sich auch weiterentwickeln, sowohl positiv als auch negativ:

  1. Perfektionismus: Hochsensitive haben einen sehr hohen Wunsch nach Genauigkeit und das erzeugt einen hohen Druck. Deshalb müssen sie lernen, die Kontrolle loszulassen. Sie müssen sich selbst die Erlaubnis geben, einen Lernprozess zuzulassen.
  2. Der Perfektionismus hat oft Entscheidungsschwierigkeiten zur Folge: Angst steht hier versus Instinktwahrnehmung. Hochsensitive müssen ruhig mal das Risiko eingehen, sich falsch zu entscheiden. Sie müssen sich ausprobieren. Ich nenne das gerne „das Risiko umarmen“.
  3. Der Fokus im Außen: Von außen werden so viele Reize aufgenommen, dass die Energie komplett verbraucht wird. Hochsensitive haben oft zu viele Gedanken und sorgen sich um andere. Deshalb müssen sie lernen, mehr auf sich und ihre Ziele zu achten: Was möchte ich, was brauche ich, was ist mir wichtig?
  4. Idealismus: Hochsensitive haben ein sehr hohes Wertebewusstsein und einen sehr hohen Gerechtigkeitssinn. Sie wollen quasi die Welt retten und leisten anderen oft Hilfe. Das kann aber zu einer Dysbalance führen. Hier ist es wichtig, den Blick für die Realität wiederzufinden und auf die eigene Regeneration und die eigenen Bedürfnisse zu achten.
  5. Bei hochsensitiven Erwachsenen ist oft eine Überanpassung vorhanden, die aus Konfliktscheu entsteht. Um das zu vermeiden beziehungsweise zu ändern, ist ein guter Zugang zu den eigenen Talenten, Wünschen und Ressourcen wichtig. Man muss das Gute in sich sehen, dazu stehen und darf auch ruhig mal nein sagen. Statt aus Konfliktscheu etwas gegen das eigene Naturell zu tun oder zu sagen, sollte man sich lieber selbstbewusst aus der Gruppendynamik rausziehen.
  6. Oft werden Hochsensitive von Versagensängsten geplagt. Sie haben Angst vor dem Scheitern, der Blamage. Dem sollte man mit Vertrauen und Selbstliebe begegnen und sich in liebevoller Haltung Fehler eingestehen. Wichtig ist, immer wieder aufzustehen – und nicht, wie oft man hingefallen ist.
  7. Angst vor Aufmerksamkeit: Viele introvertierte hochsensitive Personen stehen nicht gerne im Mittelpunkt. Dem lässt sich begegnen, indem man sich authentisch zeigt und eine gewisse Selbstliebe erlernt. Manche haben regelrecht Angst vor dem Erfolg, denn der bedeutet manchmal Veränderung – und Hochsensitive mögen keine Veränderung.
  8. Oft haben Hochsensitive das Gefühl, ein Außenseiter zu sein. Geprägt wurde dieses Gefühl meist durch jahrelange verletzende Erfahrungen. Hier ist es wichtig, sich mit Gleichgesinnten auszutauschen, um sich selbst besser anerkennen zu können und zu sehen: Ich bin damit nicht allein. Außerdem muss man manchmal Menschen loslassen, die einem nicht guttun.
  9. Bedingt aus dem Außenseiter-Gefühl entsteht schnell der Eindruck „Keiner versteht mich!“. Aber mein Leben hängt ja nicht davon ab, ob die anderen mich oder mein Leben verstehen – sondern ich muss mich wertschätzen und verstehen.
  10. Aus nicht erkannter Hochsensitivität und der damit verbundenen Überforderung kann ein Opferbewusstsein entstehen: „Das Leben ist schwer, niemand hilft mir, ich schaffe das alles nicht.“ Der Hochsensitive Mensch verfällt in Passivität, jammert und klagt. Wichtig ist hier zu begreifen, dass wir weit mehr Verantwortung übernehmen können, als wir denken – den Blick nach innen auf die eigenen Bedürfnisse richten und ja sagen zum Leben!

magz: Was raten Sie Eltern, die glauben, dass ihr Kind möglicherweise hochsensitiv ist?

Auf keinen Fall in Panik oder großen Aktionismus verfallen! Im Internet sind verschiedene Tests zu finden. Wenn man einen Test gemacht hat, sollte man das Ergebnis erst mal eine Weile sacken lassen. Es gibt auch empfehlenswerte Lektüre, zum Beispiel „Wenn die Haut zu dünn ist“ von Rolf Sellin oder „Zart besaitet“ von Georg Parlow.

Ich möchte betonen: Hochsensitive Kinder haben in der Regel kein Problem damit, solange die Eltern sie so akzeptieren, wie sie sind. Es ist wichtig, diesen Kindern zu sagen, dass sie nicht falsch sind. Sie müssen nur einfach auf sich und ihre Bedürfnisse achtgeben. Hochsensitivität ist für jeden persönlich ein großer Schatz – und gerade für Kinder ein unendlicher Reichtum für ihren weiteren Lebensweg!

 

Kirsten Walsemann – Beraterin und Coach auf Basis der Transaktionsanalyse steht Interessierten gerne für Fragen zur Verfügung. Kontaktdaten: Telefon 04344 / 301839, kw@walsemann-consulting.de, www.walsemann-consulting.de         Das Interview führte Iris Büchler

By | 2016-01-23T22:40:59+00:00 Januar 23rd, 2016|Allgemein|0 Comments

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